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"Alles Lernen findet im Gehirn statt; das Transportmittel für den Erwerb des Wissens ist allerdings der Körper. Die Zusammenarbeit von Gehirn und Körper geschieht durch das Zentrale Nervensystem (ZNS), um aber Informationen über die äussere, sie umgebende Welt zu erhalten, sind die Kinder auf die Sinne angewiesen." Sally Goddard, Neurophysiologin

LERNEN UND KINESIOLOGIE
Von Regula Sprecher

Das Kleinkind erfährt nach der Geburt seine Umwelt durch Geräusche, Berührungen, Lichtreize oder Veränderung seiner Lage. Auf diese Reize reagiert es zuerst nur mit Reflexen (z.B. Moro-Reflex: Kurze Aufwärtsbewegung der Arme - weg vom Körper - gleichzeitig öffnen der Hände, kurzes Erstarren und schliesslich Umklammerungshaltung der Arme). Reflexe sind unwillkürliche - d.h. nicht durch den Verstand gesteuerte - Bewegungen. Die erste Reaktion auf Sinnesreize ist also Bewegung (und natürlich Hormonausschüttung). Dies lässt vermuten, dass Bewegung existenziell ist. Tatsächlich erlischt das Leben ja, wenn die Bewegung des Herzens aufhört.

Das Kleinkind muss zuerst lernen,
Sinnesreize zu interpretieren. Es reagiert auf Reize. Es macht Erfahrungen und dadurch formt sich sein Gehirn. Später wird es von der Reaktion auch zur Aktion übergehen. Es schult sein Hirn indem es sich bewegt. Von seiner Neugier gesteuert, erfährt es greifend, in den Mund nehmend und krabbelnd Wichtiges über die Dimensionen (oben-unten, links-rechts etc.). Es lernt seine Umgebung kennen. Bewegung ist also das "Tor zum Lernen" (Paul Dennison).

Sally Goddard meint dazu: "Die Reflextätigkeit unterstützt die fortgesetzte Bahnung neuronaler Verbindungen". Nun sind Reflexe Bewegungen, wir könnten also behaupten:
Bewegung unterstützt die fortgesetzte Bahnung neuronaler Verbindungen.
(Bahnung neuronaler Verbindungen = neue Nervenverbindungen entstehen)

Die Neurophysiologen Gilfoyle, Grady und Moore fanden heraus, dass das Nervensystem durch Tun lernt ("learning by doing"). Wir können also behaupten: Das Nervensystem lernt durch Bewegung.

Optimales Lernen

Optimales Lernen setzt Folgendes voraus:

1. die ungestörte Aufnahme von Informationen über die Sinne

(und weiterleiten via afferentes Nervensystem ans Gehirn)
2. das reibungslose Verarbeiten von Informationen im Gehirn
3. die sinnvolle Antwort bzw. Reaktion auf diese Information
(via efferentes Nervensystem)

Sinne und Reizverarbeitung im Gehirn müssen reibungslos zusammenarbeiten und in einer sinnvollen Antwort / Reaktion des Körpers münzen: Spüren Sie die heisse Herdplatte unter der Hand (Sinne), ziehen Sie ihre Hand zurück (sinnvolle Antwort des Körpers auf den Reiz).
Verbindung zur Kinesiologie: Warum kann ich besser lernen, wenn ich Übungen mache?

Zu den Punkten 1 und 2
Manchmal sind wir nicht sehr aufnahmefähig und lernbereit. Das Tor zum Lernen ist abgeschlossen, um bei Paul Dennisons Bild zu bleiben. Viele kinesiologische Übungen sind Bewegungsabläufe (Bsp. Brain-Gym). Sie sind der Schlüssel zum zugesperrten Lerntor.

Langsam, konzentriert und wiederholt ausgeführte Übungen (Bewegungsabläufe) schulen das Gehirn.
Sie verbreitern die "Nervenautobahnen". Die durch Bewegung gestärkten Nervenbahnen und Verbindungen, können für jede Art von Lernen oder Tätigkeit gebraucht werden. Die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen wird verbessert.

Warum müssen die Übungen wiederholt und konzentriert ausgeführt werden? Eine Studie mit Ratten verdeutlicht diesen Zusammenhang: Das Gehirn von Ratten, die mechanisch, repetitiv im Rad rennen, verändert sich durch diese Bewegung nicht. Das Gehirn von Ratten, die sich auf den Weg im Labyrinth konzentrieren müssen, verändert sich. (Keine Vergleichbare Studie an Menschen)

Auch Gefühle spielen beim Lernen eine wichtige Rolle. Haben Sie schon einmal versucht, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, als Sie verliebt waren? Schwierig, nicht war? Denn unser Lernspeicher befindet sich im"emotionalen Gehirn" (limbisches System mit Mamillarkörpern). Dieses setzt sich beim Verliebt sein die rosarote Brille auf und hat für banale Dinge wie den Berufs- oder Schulalltag nun wirklich keine Zeit ;-) Zudem sind die Mamillarkörper auch mit dem Lust-Bestrafungszentrum (Amygdala) gekoppelt. Alle starken Gefühle wie Wut und Angst entstehen in diesem Zentrum. Und wie wenn das nicht genug wäre, um uns aus dem Lernkonzept zu bringen, steuern die Mamillarkörper gleich noch unser Essverhalten. Ich kenne Menschen, die ihr Lernen öfters durch den Gang zum gut gefüllten Kühlschrank unterbrechen...

Lernen wird also von vielen Faktoren beeinflusst. Gewisse kinesiologische Übungen wirken beruhigend und entstressend (zum Beispiel Stirnpunkte halten). Das "emotionale Gehirn" (limbisches System) kann seine rosarote Brille weglegen (und nach der Arbeit wieder aufsetzen, falls gewünscht).

Zu Punkt 3
Manchmal ist es dem gesunden Körper nicht möglich, auf Sinnesreize sinnvoll zu reagieren. Die Hand bleibt auf der heissen Herdplatte liegen, obwohl sie die Fähigkeit hätte, sich zurückzuziehen. Dazu ein Beispiel:
Sie sehen eine Person und hören deren Stimme. Sofort checkt ihr Gehirn, diese Sinnesreize: Kenne ich dieses Gesicht? Erinnert mich der Klang der Stimme an etwas oder jemanden? Nehmen wir an, dass Sie die Person nicht kennen, die Stimme jedoch erinnert Sie an Ihren ehemaligen Lehrmeister. Dieser hatte die Angewohnheit, Sie vor der ganzen Belegschaft blosszustellen. Der Mann, den sie soeben kennen gelernt haben, könnte der netteste der Welt sein: Haben Sie den Stress mit Ihrem damaligen Lehrmeister nicht verarbeitet, werden Sie ihn nicht mögen. Im Gegenteil: Ihr Körper wird mit Stresssymptomen reagieren (nasse, kalte Hände, Herzklopfen...), genau wie damals vor x Jahren.

Diese Prozesse sind uns selten bewusst, sie sind also dem Verstand nicht oder nur schwer zugänglich. Der kinesiologische Muskeltest (das Bio-Feedback) leistet hier gute Dienste. Präzise kann die Ursache eines Ungleichgewichtes erkannt werden (in unserem Beispiel die Erinnerung an den Lehrmeister) und die Blockade durch eine sogenannte Balance gelöst werden. Natürlich werden sie sich weiterhin an ihren Lehrmeister erinnern; die einschüchternde Wirkung wird er allerdings verloren haben und sie können die neu kennen gelernte Person unvoreingenommen betrachten. Wer weiss, vielleicht zieht sich Ihr limbisches System ja die rosarote Brille an? ;-)